| hospitalkonzert.de | NEUES IN ALTEN RÄUMEN | |||||||||||||
|
|||||||||||||
Cuarteto Bando Tango Argentino – Tango Nuevo „Künstlich“ und „künstlerisch“ Nachgedanken zum Konzert vom 07. März 2009 Stell dir vor, die Musik spielt zum Tanz auf, aber niemand tanzt! Anders schlimm: die Organisatoren der „Treysaer Ballnacht“ haben unlängst verkündet, diese Veranstaltung (es handelt sich dabei um den einzigen offiziellen Tanzball in Treysa und Umgebung) aus Kostengründen zu streichen. Umso merkwürdiger: das Konzert mit CUARTETO BANDO in der Treysaer Hospitalskapelle: Die eingeladenen vier Musiker spielten zwei Stunden Tanzmusik, davon ausnahmslos Tango und niemand der etwa 100 Besucher durfte / konnte / musste tanzen. Es war für mich eine fast vergessene Hörsituation: Die an dem Abend dargebotene Tanzmusik war so interessant, dass es großen Spaß machte, einfach nur zu hören und zu sehen. Fast unbemerkt hat sich die einst so wertvolle, vielseitige und anspruchsvolle Tanzmusik unseres Landes den öden Weg der kommerziellen Unterhaltungsmusik gesucht. Ergebnis ist ein platter Mainstream mit Universaltiteln, die im ebenso universalen Einheitstempo Viertel = 120 zu fast allen Standardtänzen musiziert werden. Die zunehmende Einbeziehung von elektronischem Schlagzeug über Drum-Computer oder künstliche (nicht künstlerische) Reproduktion von Musik durch Midifile - gesteuerte Alleinunterhalter lässt eine künstlerische Differenzierung schon seit Langem nicht mehr zu und hängt die einst lebendige und bewegte Tanzmusik gewissermaßen im künstlichen Koma an die Beatmungsmaschine. Das klingt hart. Bedenkt man zu dem, dass es eine Eigenart von Musik ist, sich selbst zu vermitteln und zu unterrichten, sobald man sie hört oder konsumiert, wird einem schnell klar, dass Tanzmusik – also Musik zur an sich kunstvollen bis sportlichen Bewegungsdarstellung - ausnahmslos von Hand gemacht sein müsste! (Vorausgesetzt, die Tanzbewegungen sind noch natürlicher, lebendiger Art. Leider entdeckt man bei medallienbelasteten Turniertanzpaaren leider auch schon zu oft das Künstliche, Unnatürliche statt dem Künstlerischen, Einmaligen und Kreativen). Gute Tanzmusik ist eine hohe Kunst! Wenn die Tanzmusik nicht mehr die Besonderheiten (man kann auch sagen: Charaktereigenschaften) der verschiedenen Tänze wiedergeben kann (Gleiches gilt für die Tänzerinnen und Tänzer) weil sie sich wie oben beschrieben in ihrer technischen Reproduktion verändert oder in ihre grundsätzlichen Absicht geändert hat, kann die Synthese aus Tanz und dazugehöriger Musik bis hin zu einem traditionsreichen Ereignis eines Tanzballes mit traditionellen Tänzen ‚alter Schule’ in Schieflage geraten. Tänze und Tanzmusik bedingen einander und entstehen bzw. verändern sich gemeinsam. Das galt bereits für die höfischen Tänze des barocken Frankreichs ebenso wie für Walzer, Polka, Mazurka, Schieber, Foxtrott, Rumba, Jive, Twist, Swing, Tango usw. im 20. Jahrhundert. Dass es auch ungewöhnlich anders sein kann, haben Jürgen Karthe (Bandoneon), Steffen Heinze (Klavier), Juliane Rahloff (Violine) und Robert Brenner (Kontrabass) bewiesen: Sie spielen Tanzmusik zu speziellen Tanzabenden. Sie spielen Tango. Kein Wechsel zwischen Standardtänzen deutscher Tanzschule sondern ausnahmslos Tangos aus Argentinien. Jeder, der Gespür für gute Tanzmusik hat, konnte an dem Abend feststellen, dass alle vorgetragenen Tangos etwas Eigenes hatten. Das war oft sehr versteckt und subtil. Es bestand Gefahr, die Stücke als ähnliche Stücke zu hören und sie als nur schönklingende Unterhaltungsmusik zu verpassen. Nein: Das Konzertieren dieser Tanzmusik im sakralen Ambiente der Kapelle ließ etwas ganz Großes und Einmaliges entstehen: Die vier Musiker wurden sich mit jedem gespielten Titel zunehmend bewusst, dass tatsächlich niemand tanzte. Das Geben und Nehmen zwischen Tanzmusiker und Tänzer, ohne das der Tango Argentino eigentlich niemals funktionieren kann, konnte in der gewohnten Form nicht stattfinden. Das sind seltene beglückende Momente für Musiker und Publikum: Die Musiker werden von der eigenen Musik, die sie musizieren, in Bann gezogen und übertragen dies auf das Publikum. Das sollte für jedes Musizieren gelten. Kurzer Rückblick zu den eingangs erwähnten problematischen Entwicklungen: Wenn gute Tanzmusik, gutes Tanzen und gute Tanzveranstaltungen hierzulande eine gute Zukunft haben wollen, dann wird wieder wie einst viel künstlerische Arbeit in Musik und Tanz investiert werden müssen. Eine schöne Arbeit, die sich lohnen kann. Mit einer besonderen Tanzmusik hat uns CUARTETO BANDO das gezeigt. Stefan Reitz
|
|
||||||||||||